Standard-Buchtipp der Woche

"Josef Finster. Eine Recherche" von Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler

Dort, wo die Donau eine Schlinge macht, im oberösterreichischen Schlögen, stand zwischen 1935 und 1938 ein Zwangslager für Arme. Von diesem Haftlager, in das Armutsbetroffene aller Art, Nichtsesshafte, Obdachlose und Bettler verfrachtet wurden, ist heute mit dem Auge nichts mehr zu sehen. Wer hinschaut, sieht aber wie sich die Geschichte von wirtschaftlicher Misere, aufgeregter Sündenbockpolitik und öffentlicher Demütigung entlang den Wassern der blauen Donau widerspiegelt. Die Standortwahl begründete sich durch die seit mehreren Jahren geplanten Ausbauarbeiten an der Nibelungenstraße, die den Einsatz von vielen (billigen) Arbeitskräften erforderten. Die Häftlinge erhielten dafür keinen angemessenen Lohn, sondern nach Ende der Haft Naturalien als Sachleistung. Mittels "Streifungen", so hießen die Aufgriffaktionen der Behörden, wurden die Menschen ermittelt und in das Arbeitslager an der Donauschlinge verschleppt. Die Presse im autoritären Ständestaat rühmte das Lager als "wegweisende Tat".

Der gebrandmarkte Onkel

An diese Kultur von Vorurteilen, Abwertungen und Entwürdigungen konnte das nationalsozialistische Regime anknüpfen. Um vier Uhr in der Früh wurde Josef Finster von der Linzer Kriminalpolizei aus dem Bett geholt und über Dachau ins KZ Flossenbürg verschleppt. In ganz Österreich nahmen sie mitten in der Nacht mehrere hundert Männer in polizeiliche "Vorbeugungshaft" – ohne, dass es einen aktuellen Tatverdacht oder einen Haftbefehl gegeben hätte. Die erste Razzia im April 1938 führte die Gestapo selbst durch und nahm unter den Titel "Schutzhaft" tausende Personen in ihre Gewalt. Diese Wellen von Massenverhaftungen richteten sich im identitären Jargon der völkischen Ideologen gegen "Asoziale" und "Berufsverbrecher".

Josef Finster lebte zu dieser Zeit in einer Barackensiedlung in der Linzer Katzenau mit seiner Lebensgefährtin und zwei Kindern. Die Zeiten waren schlecht, prekäre Jobs und Tagelöhnerarbeiten hielten die Familie über Wasser. Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler erzählen in diesem reich bebilderten Büchlein die Lebensgeschichte des jungen Mannes aus dem Salzkammergut. Waltraud ist die Großnichte von Josef. Es war ihre Initiative, die Recherche über das unbekannte Leben des als "Berufsverbrecher" gebrandmarkten Onkel aufzunehmen. Der Text zeigt auch eindringlich: Die Mechanismen der Entwürdigung sind immer dieselben, die Maßnahmen ähnlich, mit denen sich die Schlinge zuzieht. Der Großteil der Verfolgten stammte aus der unteren Einkommensschicht. Unter "asozial" fielen etwa Arbeitslose, Nichtsesshafte, Sozialleistungsbezieher, Suchtkranke, Personen, die ihren Haushalt "nicht richtig führen konnten" oder die von staatlichen Leistungen abhängig waren. Als "asozial" wurden auch Menschen verfolgt, die bettelten oder keine Wohnung hatten. Josef Finster überlebte die Arbeit im Steinbruch von Flossenbürg drei Jahre. Am 30. November 1941 war sein Körper aufgebraucht. Er starb, so die Angaben der SS-Lagerverwaltung, an "Herzschwäche". (Martin Schenk, 14.2.2026)